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Archive for 12. April 2009

Ach,  kurz noch eine Notiz für heute zur Wiedervorlage ein andermal. Ich wollte schon immer Autor und Antiquar werden. Als kleiner Bub wollte ich Pfarrer werden, aber das als Schriftgelehrter, also auch mit ganz vielen Büchern um mich herum. Oder ein eigenes Antiquariat, gute Bücher um mich herum, Seltenes, Prachtstücke der Buchbinderkunst, usw.usw.

Die Vorstellung, dass der Antiquar inmitten seiner Schätze sitzt und sich ihrer erfreut, und lesend und sinnierendsinnend sich vom Kunden überraschen lässt — diese Vorstellung ist ein Spitzwegidyll.

Ich habe nun seit fast fünf Jahren mein eigenes Antiquariat, bin Autor und ich habe Prachtstücke der Buchbinderkunst um mich herum. Aber. Aber der Alltag sieht anders aus. Das Spitzwegidyll  gibt es heute nicht mehr. Es ist ein Knochenjob. Und weniger inmitten alter Bücher, denn vielmehr permanent vor dem Bildschirm – mit gleichwohl Büchern drumherum. 12-14 Stunden kostets mich täglich. Und würde ich nicht die Bücher und das Wort lieben, so wäre das nicht zu schaffen. Ich frage mich dann doch gelegentlich, wie es jene “Kollegen” machen, für die ein Buch  reine Handelsware ist. Ohne Liebe geht das doch nicht. Oder wenn, dann doch doch nur ohne Genauigkeit. Aber wie sagte mein Lehrmeister Armin Mohler schon “Eine Bibliographie ohne Autopsie ist von Übel.” Recht hat er. Das gilt auch für jedes noch so geringe antiquarische Buchangebot. Ohne Autopsie geht es nicht.  [oder geht wohl doch, denn sonst müsste ich nicht jede achte bis zehnte Bestellung von mir zurückschicken, weil etwas ganz anderes geliefert wird als ausgelobt, dazu ein andermal].

Egal, egalegal. Ein Leben mit Büchern ist nur durch ein Leben mit Kätzern zu toppen. Der Leser ahnt es: hier gibt es 7 Katzen, 2 Menschen und 75.000 Bücher. Ich hätte nie anders leben wollen.

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Ich bin ein Provenienzfetischist. Mein Exemplar der Chandler-Briefe habe ich von Helmut Krausser bei eBay gekauft, und das war kein Zufall. Nietzsches Briefe habe ich im Exemplar mit den Adnoten von Martin Gregor-Dellin, einiges aus der Bibliothek von Ernst Jünger, eines auch aus der Bibliothek seines Vaters, einen Band mit dem Ex Libris Ludwig Ganghofer von Franz Stuck usw.usw.

Ich mag das. Das ist ganz anders als ein Buch anonymer Provenienz, ein Buch von Lieschen Müller oder Hansotto Schulz oder Schmidt .

E i n Buch in meinen Regalen freut mich stets besonders, wenn ich es in die Hand nehme. Und wer sich über meinen Dollase-Texturzähler wunderte, wird nun wissen, woher die Zählmanier für Manierismen kommt….

Es handelt sich um ein Exemplar von Heinrich Manns Novellensammlung “Stürmische Morgen” im 3. Tausend bei Langen, München 1907. Dieses hier:

Heinrich Mann, Stürmische Morgen

Heinrich Mann, Stürmische Morgen

Das Buch weist auf dem Vortitel oben einen ersten Besitzeintrag auf: Ernst Glöckner 1910/12:

Besitzeintrag Glöckner

Besitzeintrag Glöckner

Ich sehe eben irritiert, dass es auf Wikipedia keinen Artikel zu Glöckner gibt. Man findet ihn dort nur als Lebensgefährten von Ernst Bertram. Den kennen wir als Nietzsche-Exegeten und als einen der wenigen im Stefan George-Kreis, der mit Thomas Mann befreundet war. In den “Betrachtungen eines Unpolitischen” wird Bertram hymnisch als Inspirator zitiert.

Das Exemplar, von dem hier die Rede ist, schenkte Glöckner an seinen Lebensgefährten Bertram weiter, Bertrams Besitzeintrag zeugt davon:

Besitzeintrag Ernst Bertram

Besitzeintrag Ernst Bertram

Nehmen wir nun einmal an, was eingedenk der innerkreislichen Konstellation unter Georgeianern nicht unwahrscheinlich ist, dass Glöckner seinen Liebhaber Bertram von Thomas Mann zu Heinrich Mann rüberziehen wollte, sozusagen als Nachklapp zum Bruderzwist der beiden. Wenn das so wäre, so wäre das nach hinten losgegangen. Denn Bertram hat bei seiner Lektüre einen Bleistift in der Hand und er hat eine Freude an Statistiken. Und er mag keine Manierismen und Blähworte.

Und also streicht er an und numeriert:

Anstreichungen Ernst Bertram 1

Anstreichungen Ernst Bertram 1

ein zweites Beispiel:

Anstreichungen Ernst Bertram 2

Anstreichungen Ernst Bertram 2

Und hinten führt Bertram Listen, er zählt mit. Und so wissen wir, dass in diesem Buch Heinrich Mann 22mal “plötzlich” schreibt und 26mal “aber”, 6mal “auf einmal”, hingegen nur 2mal “bleich/verblichen”:

Liste von Ernst Bertram 1

Liste von Ernst Bertram 1

Liste von Ernst Bertram 2

Liste von Ernst Bertram 2

So etwas liebe ich. Geschichten, Szenen, Lebensromane, die sich aus einem Buch entwickeln nicht durch das, was darin steht [das gibt es natürlich auch], sondern aus der Geschichte dieses einen besonderen Exemplars.

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