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Ich schreibe zur Zeit an einer Erzählung mir dem Arbeitstitel “Der Berg der Schnee und ich“.

Ich versuche es einmal mit öffentlichem Schreiben: ich twittere mit einem neuen Twitter (Zweit-)Account die Erzählung, Satz für Satz.- Hier verfolgen.

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Achtes und letztes Kapitel aus dem Roman “Milchferkelhalterabend” (begonnen 2003, abgebrochen im selben Jahr):

Claire sah, wie gesagt, bezaubernd aus. Ihr halblang geschnittenes Haar endete mit exaktem, klaren Schnitt dort, wo der Rollkragen am Hals umgeschlagen war.
„Du bist so wortkarg heute, Robert“, sagte sie nach einer Weile, in der sie von ihrer Arbeit gesprochen hatte, vom Wetter, daß der Herbst nun komme, ob er den auch so möge wie sie, was Robert bejahte, und daß sie ihren Vater im Krankenhaus besucht habe, dem ginge es nicht so gut, aber man habe alles im Griff, die würden nämlich gut für ihn sorgen und sich kümmern.
„Ach“, sagte Robert, „weißt du, es sind schon komische Tage. Ich weiß auch nicht so recht, wohin ich soll.“
„Wie meinst du das: wohin du sollst? Stimmt ‘was nicht bei der Arbeit?“ sagte Claire.
„Nein, das heißt, da ist’s wie immer. Durcheinander mit System. Urs, also Meyer von Knonau, Meyer also, hat pleite gemacht und es gibt doch ständig Ärger mit den Handwerkern, das kennst du doch.“
„Von euch ja“, sagte Claire.
„Dann weißt du ja, was ich meine.“
„Ich kann’s mir vorstellen.“
„Nein, es ist irgendwas anderes. Ich weiß nicht so recht, was es ist. Irgendwas stimmt einfach nicht mehr so richtig.“
„Was ist los“, fragte Claire.
„Ach, ich weiß nicht“, sagte Robert. Er legte seine Hand auf die ihre. Sie ließ ihn gewähren.
„Es rollt wie auf einer Kugelbahn, an jeder Kante tut’s weh, wenn die Murmel anstößt, jeder Weg ist ein kleiner, rollender Schmerz“, murmelte Robert.
„Was sagst du?“ Claire klang abwesend.
„Ach, nicht so wichtig“, sagte Robert und drückte ihre Hand, die sie ihm entzog. Mit der gleichen Bewegung streifte sie eine Haarsträhne von der Stirn.
Robert orderte einen Cappuchino, der ihm sogleich gebracht wurde. Er tat etwas Zucker hinein, rührte ihn um und trank daraus.
„Komm, laß uns gleich ein paar Schritte durch den Stadtpark gehen“, sagte Robert.
„Ja, das ist ‘ne gute Idee.“
Robert zahlte und sie verließen das Bateau ivre. Sie gingen in den Stadtpark. Claire hakte sich nach wenigen Schritten bei ihm unter. Das gefiel ihm.
Sie sprachen nicht viel bei dem Gang.
„Danke, daß du da warst“, sagte Robert ihr zum Abschied.

Robert nahm die Straßenbahn nach Hause, stieg in den 14er Bus und war dann da. An der Haltestelle, die nur ein wenig von der Laterne beleuchtet war, sah er im Gebüsch etwas liegen, einen toten Hund. Der konnte noch nicht lange tot sein, denn er sah aus, als schliefe er nur. Robert wartete, bis der Bus fortgefahren war und ging dann zu dem toten Hund hin. „Üben“, sagte er zu sich. Robert zog ein Tapeziermesser aus der Jackentasche und fuhr die Klinge aus. Er schnitt um ein Ohr herum, löste es vom Kopf und wickelte es in ein Taschentuch. Daheim angelangt, ging Robert direkt in den Keller und legte das Ohr auf die Plastikfolie, die er über den Tisch gezogen hatte.

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Siebtes Kapitel aus dem Roman “Milchferkelhalterabend” (begonnen 2003, abgebrochen im selben Jahr):

“Hinter allem was ich glaubte, lauerte die Welt…“

„Claire, kann ich dich heute abend sehen?“
„Robert, bist du das?“
„Ja, ich bin’s.“
„Um acht. Wo?“
„Was hältst du von Bateau ivre?“
„Gern.“
„Bis dann.“
„Ja, bis dann. Ich freu‘ mich.“
„Ich mich auch. Tschüs Robert.“
„Tschüs Claire.“
Robert legte auf. Er ging in die Kaffeeküche, wo, wie stets, Urs Meyer von Knonau saß.
„Robert …“
„Ja.“
„…wenn irgend jemand für mich anruft, ich bin nicht da.“
„Warum?“
„Naja, ich habe die PlanBau dichtgemacht.“
„Okay, wie geht’s weiter?“
„Na, ich mach‘ halt die BauPlan auf.“
„Also verleugnen.“
„Das wär‘ famos.“
„Geht klar.“
Urs Meyer von Knonau hatte eine Art Spieltrieb in Sachen Firmen entwickelt. Das heißt, daß seine Firmen immer innerhalb von ein, zwei Jahren als pleite gemeldet und abgewickelt wurden. Das Firmenmodell war immer so gestrickt, daß er selbst nicht persönlich haftbar war für den entstehenden Schaden. Nach anderthalb Wochen Schonfrist, wie er es nannte, machte er unter der gleichen Adresse ein neues Architekturbüro auf, das mit der selben personellen Besetzung und Struktur auftrat. Nur der Name hatte sich geändert. Urs Meyer von Knonau kaufte der alten Firma zu dumping–günstigem Preis die Austattung, Computer und dergleichen ab und übernahm die von der alten Firma begonnenen Aufträge. Meistens. Manchmal überließ er sie auch – gegen entsprechende Gebühr, die inoffiziell gezahlt wurde, also nicht der Konkursmasse zugeordnet werden konnte – den Lieks, die wiederum neue Aufträge an ihn abgaben. Dieses Spielchen trieb er schon seit einigen Jahren. Die alte Firma mußte dann stets am Telephon verleugnet werden („Tut mir leid, die PlanBau gibt es leider nicht mehr, wir haben aber das Projekt soundso übernommen, was können wir für Sie tun?“ und schon war die PlanBau vergessen und die BauPlan trat auf den Plan oder eine andere Firma, deren Geschäftsführer und Inhaber ganz zufälligerweise ein gewisser Urs Meyer von Knonau war.)

Es war also mal wieder so weit, Knöni wollte sich verleugnet wissen bis die Einlullfrist verstrichen war. Kein Problem, darin hatten sie ja alle Übung.
Knöni war aufgeräumter Stimmung und guter Dinge, als alter Pleitenhase focht ihn derlei nicht mehr an, ganz abgesehen davon, daß das nun wirklich keine Katastrophe war, da Inszenierung, und alles in den wohlgeplanten Geschäftsablauf gehörte. Das sollten freilich die Behörden, insbesondere die vom Finanzamt, nicht wissen; sie ahnten es natürlich – alle zwei Jahre Konkursgehen, das passiert ja nicht jedem mit so steter Regelmäßigkeit –, aber zu beweisen war da nie etwas. Manchmal war Knöni auch Arbeitslos gemeldet. Als er einmal eine ABM-Stellung für sich ausgerechnet in einer Firma namens BauPlanung (das war der Vorvorgänger der PlanBau gewesen, die ausnahmsweise nicht auf ihn sondern auf seine Assistentin lief) beantragte, hatten sie ihm beim Arbeitsamt nur einen Vogel gezeigt und er war unter grinsenden Flüchen aus dem Amt gegangen. Probieren kann man’s ja mal.

Es klingelte, ein aufgebrachter Handwerker, der Elektriker Eschen, stürmte das Büro und ohne zu fragen, betrat er Lieks Büro. Dort drin machte er Frau Liek eine Szene, er habe mit seinem Bruder Sonderschichten gemacht, Zusatzkosten gehabt und nun habe sie ihm auch noch den Rechtsanwalt auf den Hals gehetzt, wo sie doch nicht einmal die letzten drei Aufträge davor bezahlt habe. Als er seine Anklage fertig hatte, begann ein unglaubliches Gekeife von Frau Liek, sie holte Schimpfworte aus den alleruntersten Schubladen und es fehlte wohl nicht viel und sie wäre mit ihren spitzen Fingernägeln auf Eschen losgegangen. Schließlich wollte sie einen triumphalen Endpunkt setzen und schrie: „Ich zeig‘ Sie an wegen sexueller Belästigung und versuchter Vergewaltigung!“ Darauf antwortete Eschen erstaunlich ruhig: „Schau‘n se sich doch mal im Spiegel an, das glaubt dir doch keine Sau.“ – Wandte sich um und stolzierte hinaus. Über diese Replik mußte Robert ziemlich schmunzeln. Aber da nach diesem Auftritt die Stimmung im Büro nun endgültig im Keller gelandet zu sein schien, wollte Robert sich trollen und eine vorgezogene Mittagspause machen. Aber so leicht war kein Entkommen, denn die schnaubende Frau Liek kam auf ihn zu, wobei sie sich von Schritt zu Schritt beruhigte. Ja, lachte gar endlich und sagte zu Robert: „So’n Arsch. Kommen Sie, wir trinken einen Sekt.“ Robert wehrte sich nicht groß, und in der Küche nahmen sie einen Umtrunk ein, bei dem Knöni natürlich auch nicht ausgeschlossen war. Sie feierten seine Pleite und die anvisierte BauPlan–Gründung und überlegten dabei, woher sie einen neuen, guten wie günstigen Elektriker bekommen sollten, denn dem Eschen wollten sie nun keine Aufträge mehr geben.
Am Abend ging Robert ins Bateau ivre, er war, wie immer, einige Zeit zu früh, hatte aber, ebenfalls wie immer, ein Buch aus der Jackentasche gezogen und las.
Claire kam pünktlich, ja sogar zwei Minuten vor der verabredeten Zeit. Das gefiel Robert. Auch sah sie hinreißend aus. Sie hatte einen crèmefarbenen Rollkragenpullover an, einen ganz dünnen, denn es war zwar schon kühler geworden, aber der Herbst war noch nicht ganz ausgebrochen, sondern schlich sich erst langsam an. Dazu eine sogenannte Marlenehose, mit breiten Beinen. Sie gab Robert einen Kuß auf die Wange zur Begrüßung.

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Sechstes Kapitel aus dem Roman “Milchferkelhalterabend” (begonnen 2003, abgebrochen im selben Jahr):

Die Sonntage verbrachte Robert meistens im Keller. Den hatte er sich ausgebaut, der Boden war gekachelt, ebenso die Wand bis in anderthalb Metern Höhe. Unter dem kleinen Milchglasfenster stand ein ausrangierter Tisch, auf dem er eine Granitplatte angebracht hatte. An der Seite ein Kommödchen mit allerlei Dingen darin, ein Bücherbord und ein Karteikasten mit mehrfarbigen Karteikarten, die meisten mit Schreibmaschine beschrieben, andere mit handschriftlichen Notizen darauf. Ein kleiner Kühlschrank stand in der Ecke und den Waschmaschinenanschluß hat er mit einem Hahn versehen, darunter ein Eimer. Vor dem Tisch ein dreibeiniger Hocker.

„Ohrenschmausstube“ nannte Robert seinen Keller im Selbstgespräch. Wenn er die Tür aufschloß, fiel sein Blick stets zuerst auf den gegenüber der Tür an der Wand angebrachten ausgestopften Galago Senegalensis, der auf ein Asttück montiert ist. Ohrenmaki heißt das possierliche Tierchen auf Deutsch. Mit 20 cm Leibes- und 25 cm Schwanzlänge ein großer Vertreter seiner Spezies. Der schaute mit seinen großen, runden Kulleraugen auf jeden Eintretenden; es schien, in seiner halbzusammengekauerten Haltung, als sei er stets zum Sprung bereit. Doch wohin sollte er denn springen. Den Sprung vor dem tödlichen Schuß jedenfalls, den hatte er verpaßt. Bevor Robert sich um das Exemplar gekümmert hatte, hatte er im BROCKHAUS gelesen, daß der Galago „große, häutige Ohren mit faltbarem Hinterrand“ habe. Das klang ihm sympathisch und ideal zur angemessenen Gestaltung seines Kellerraumes. Es hatte Robert eine ordentliche Stange Geld gekostet, denn über den normalen Einfuhrweg ging das nicht, da war der Zoll vor. Und der ließ diese possierlichen Galagos nicht einreisen, gleichviel in welchem Zustand, ob lebend, ob tot. Aber es gibt ja immer Mittel und Wege, und vor allem wenn die Mittel da sind, findet sich auch der Weg wie von alleine.

Robert trat ein, entbot dem Galago seinen Gruß und setzte sich an den Tisch. Er blätterte in der Kartei. Darin hatte er allerlei absonderliche Dinge rund um’s Ohr notiert. Medizinisches, Literarisches, Juristisches. Im amerikanischen Elkhart, Indiana, beispielsweise gab es ein Gesetz, das ausdrücklich besagt, daß es Friseuren verboten sei, Kindern zu drohen, daß sie ihnen die Ohren abschneiden würden, wenn sie nicht ruhig seien.

Daß es mit den Ohren etwas besonderes auf sich hat, das wußte man schon zu Urzeiten. Das Ohrenabschneiden stand zu biblischen Zeiten als Strafe auf Hurerei: „Sie sollen dir Nase und Ohren abschneiden; und was übrigbleibt, soll durchs Schwert fallen“, hatte Robert auf einer der Karteikarten notiert und darunter: „Hesekiel 23, 25 – ein Kapitel in dem insgesamt 15mal das Wort Hurerei fällt.“ Die Strafe mit den Ohren hatte wohl damit zu tun, daß eine ihrer Ohren beraubte Frau nicht mehr als schön gelten konnte. Das konnte Robert nachvollziehen.

In seiner Kartei waren sie alle vereint, von Ohola und Oholiba bis zu Evander Holyfield, der vom Tyson gebissen ward. In der juristischen Abteilung, auf roten Karteikarten, gab es allerlei Zitate aus dem DEUTSCHEN RECHTSWÖRTERBUCH der Universität Heidelberg, wie dieses herrliche aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts: „werdet de oren beide af ghesneden, gheslaghen, oder ghehowen, so beteremen dem cleghere x1 … heft he des geldes nicht, so ga ore teghen.“ Das betraf das Abschneiden von Ohren etwa im Streit oder in einer Schlägerei. Das Ohrenabschneiden als gerichtlich verhängte Strafe, das gab es freilich auch: „do man ut … his earan“, hieß es in einem Rechtstext um 1027. Das Ohrenabschneiden galt den Dieben und übleren Missetätern, und noch 1726 als Strafe den „boshaften kupplern und huren wirthen“. Das ging einige Jahrhunderte so, bis es dann, 1771, hieß: „abschneiden der nase und ohren, kommt selten vor.“ Natürlich hat man nicht nur abgeschnitten, man hat das Ohr auch zu anderm verwendet: „unnd wa er in erwischet, mit eynem ohre an ein baum mag plocken unnd in so lassen steen mit dem angenagelten ohre.“

Robert las sich fest in seiner Sammlung, notierte ein paar Neufunde auf die Karten mit entsprechender Farbe und verließ den Keller erst, als die Sonne schon sank und es dunkelte. Während er wieder in die Wohnung ging, sinnierte er darüber, warum sich ein Lügender oft am Ohrläppchen zupfe. Will der sich insgeheim vergewissern, daß die noch dran sind, er also nicht auf den ersten Blick schon als Lügner zu entlarven sei? „Dem muß ich mal nachgehen“, murmelte Robert vor sich hin.

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Stiess eben wieder auf ein Exposé zu einem Roman, den ich wohl leider nicht schreiben werde, über das ich mich aber jedesmal freue, wenn ich es sehe. Untertitel : “Ein kitschomantisches Erweckungsdramolett”.

Den Haupttitel und die Story verrate ich jetzt nicht, denn vielleicht schreib ich’s ja doch mal irgendwann und dann wär’s schad, wenn die schöne Idee von einem andern schon verwurstet wäre.

Jetzt ist erst ein anderer Text dran. Eine Erzählung. Die hat keinen Untertitel. Deswegen mehr dazu hier jetzt nicht.

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Fünftes Kapitel aus dem Roman “Milchferkelhalterabend” (begonnen 2003, abgebrochen im selben Jahr; das vierte Kapitel ist zensiert):

Diesmal setzte Robert sich nicht zu den Dreien am Stammtisch. Robert blieb an der Theke stehen, trank ein Bier, nachdem er einmal rüber gewunken hatte zu Cad, Eiermann und Henriette. Die hatten sich heute wenig zu sagen, boten nur den Anblick eines trüben Haufens, mehr nicht; ganz anders als sonst manchmal, wenn die sich diskutierend in die Wolle kriegten. Als Robert sein Bier ausgetrunken hatte, sah er, wie Eiermanns Kopf in Richtung Tischplatte sank und die andern beiden Anstalten machten, ihn, wie üblich, mit allerlei Zeugs zu dekorieren. Das war auch nicht anders als sonst, also zahlte Robert und ging.
Es war noch ein wenig zu früh; mit Marie war er erst um halb Elf im Bateau ivre verabredet. So schlenderte Robert ziellos durch die Gassen, besah Schaufenster, schaute sich die Plakate der neuesten Hollywood–Streifen im Schaufenster des Multiplex–Kinos an und steuerte schließlich, obgleich immer noch zu früh, zum Bateau ivre.
Dort war noch nicht so viel los, es war ja erst halb zehn und das übliche Publikum war wohl noch im Kino, saß im Stadtgarten auf der alten Stadtmauer oder war irgendwo zu Tisch. „Zu Tisch“ trifft es bei denen besser als „beim Abendessen“, denn der Großteil des Bateau ivre–Publikums gehörte zu jenen smart sich gebenden Mittdreißigern, die mit schnellen Autos und feinen Hosen und entsprechend teuren Sonnenbrillen auffielen – und mit diesem dezenten Protz ihre bei fast allen lange, wenngleich in rascher Folge eingetretene Kette von geschäftlichen Desastern wettzumachen suchten. Viele Computer-Leute (daß sie nicht selbst die Programmierer waren, sondern eher die Chefs solcher Firmen, sogenannter Start-ups, sah man schon an der soeben beschriebenen Kleidung – da trug keiner verblichene Sweatshirts oder T–Hemden mit obskuren Schokoriegelmarken vorne drauf, wie das die zumeist dickbebrillten Programmierer taten), die sich anderthalb Jahre lang caipiriñaschlürfenderweise über new economy und den Börsengang, den kurz bevorstehenden, ihrer Firma unterhalten hatten, bis irgendwann niemand mehr so recht davon sprechen wollte. Die meisten hatten ihre ersten Pleiten und Börsenverluste in sechsstelligen Höhen hinter sich und das einzige, das bei ihnen noch glänzte, war der Schweiß auf der Stirn angesichts des gewaltigen Schuldenbergs, für den sie, so sah das Geschäftsmodell es meistens vor, ungeahntes Risiko vordem, persönlich haftbar waren. Da es inzwischen dem Gesetzgeber in seinem weisen Ratschluß gefallen hatte, private Insolvenzen zuzulassen, war es den gescheiterten Jungunternehmern doch nicht mehr so bange, denn dadurch war nun, wie sie es nannten, der Lichtstreif am Horizont zu sehen – und der rückte immer näher. Die meisten der Bateau ivre–Gäste, das hatten die wohl einmal so unter sich ausgemacht, hatten den Zeitpunkt für die Eröffnung des privaten Insolvenzverfahrens auf in drei Monaten festgesetzt. Und bis dahin gab’s doch noch reichlich Tage und Feste zu feiern. Das machten sie bevorzugt hier, was dem Wirt natürlich recht war.
Jetzt waren die aber noch alle irgendwo „auf der Piste“ und Robert hatte beinah freie Platzwahl. Er setzte sich an einen Dreiertisch im hinteren Café–Bereich, den er bevorzugte, weil zum einen dann nicht permanent jemand am Tisch vorbeiging, wie in der Café–Mitte, wo sich die Treppe zu den Toiletten befindet, und weil zum andern er den Laden überblickte, sah, wer kam und ging. Robert zog ein Buch aus der Jackentasche und las. Zwischendurch nippte er an seinem Bier. Als er sich festgelesen hatte, ganz eingetaucht war in die Lektüre, füllte sich das Bateau ivre, immer öfter mußte Robert abschlägigen Bescheid geben auf die Frage, ob bei ihm noch ’was frei sei. Endlich, wie immer eine Viertelstunde zu spät, kam Marie: „Tschuldigung, kein Parkplatz. Hallo Robert!“ Sie gab ihm einen raschen Kuß auf die Wange und setzte sich. Dem herbeigeeilten Kellner nannte sie ihren Getränkewunsch, der ziemlich rasch, trotz inzwischen schon überfüllt zu nennender Lokalität, erfüllt wurde. Sie stießen an und Marie erzählte von „ihrer Woche“, wie die so gewesen war. Spektakulär war die nicht gewesen, aber recht kurzweilig, wie Robert fand.
Zuerst hatte Marie einen Sekt bestellen wollen, sich dann aber umentschieden und auch ein Bier bestellt. Das war Robert recht. Denn von Sekt wurde Marie „giggelig“, wie Robert das nannte (Giggele nannte man auf dem Land die kleinen Hühner, Sie wissen schon, was Robert mit „giggelig“ meinte). Ein Bier, das passte, obgleich es wie ein Kontrast wirkte, irgendwie besser zu Marie. Sie trug an diesem Abend ein schlank geschnittenes, schwarzes Kleid, in dem posierend einmal Gillian Anderson in der Emanuele Ungaro–Werbung reichlich neckisch ausgesehen hatte. Neckisch sah auch Marie in diesem Kleid aus. Zum Anbeißen, dachte Robert, und … diese Ohren … ja, das hatte ’was. Nun nippte sie also an ihrem BECK’S–Bier, das eiskalt war und, das war seit einiger Zeit so üblich geworden, direkt aus der Flasche getrunken wurde. Dieses Ensemble, die eine Spur zu sehr nach Abendgesellschaft gekleidete Marie und die grüne Flasche in ihrer Hand…

Und sie plauderte von der hinter ihr liegenden Woche. Immer noch eine Spur zu sehr hektisch, so, als hetze sie immer noch nach einem Parkplatz.
Marie trug auch keine Ohrringe, wie Robert jetzt erst bemerkte. Das gefiel ihm. Sie hatte mittelgroße Ohrläppchen, die sehr zart aussahen. Als Robert nach einer Weile zum Klo ging, verweilte er kurz hinter Marie stehend, fuhr mit seinen Fingerspitzen über die Härchen im Nacken, kraulte ihren Haaransatz, was sie mit einem katzenschnurrenähnlichen „Mmmh“ quittierte, wobei sie den Kopf ein wenig nach vorne streckte. Robert ließ sich noch dazu verleiten und streichelte ganz kurz aber zärtlich ihr Ohrläppchen, ließ es zwischen Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand gleiten. Auch das schien ihr zu gefallen. Auf dem Rückweg von der „Kachelkammer“, wie Robert im Scherz die Toiletten nannte, passte er einen der afghanischen Rosenverkäufer („wolle Rose kaufe?“) ab, drückte ihm ein Geldstück in die Hand und ließ sich eine Rose geben. Daß das mitten im Café geschah, war Robert recht; denn nichts erschien ihm peinlicher zu sein als am Tisch in Anwesenheit der zu Beschenkenden eine solche Blume zu kaufen oder gar, größtes Übel, das er sich für so eine Situation vorstellen konnte, in ihrem Beisein über den Preis zu feilschen. Das soll ja eine Geste sein, mehr nicht. Und es geht nicht um den Erwerb, der, im Beisein der Rosenempfängerin, gar dem Unterfangen abträglich wäre, sondern nur um die Tatsache der Rosenüberreichung. Das Geschäft sollte diskret sein.

Marie nahm die Rose mit einem Lächeln und einem Augenverdrehen an, beugte sich zu Robert und gab ihm einen Kuß auf die Wange, diesmal nicht so flüchtig wie bei der Begrüßung. Der Kellner, einer von der aufmerksamen Sorte, kam auch schon mit einer Vase herangeeilt, in der sich die Rose gut machte auf ihrem Tisch.
Später, beide waren nicht mehr nüchtern zu nennen, aber beide noch im geselligen Stadium des leichten Trunkes, jenem Stadium, das noch wohlkontrollierte Handlung zuläßt und lallfreies Reden, dehnten sie den Gang zum Taxistand zu einem kleinen Spaziergang aus. Durch die Gassen der Altstadt, die sich an die Innenstadt direkt anschließt, und einmal quer durch den Stadtpark, was aber weniger romantisch als gedacht war, zumal das nächtliche Stadtparkpublikum sich aus Obdachlosen zusammensetzte. Noch einen Kuß, diesmal auf den Mund, der aber geschlossen blieb dabei, und sie nahmen jeder ein Taxi. Die Rose hatten sie im Bateau ivre auf dem Tisch stehengelassen, aber das war jetzt nicht mehr so wichtig.

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Drittes Kapitel aus dem Roman “Milchferkelhalterabend” (begonnen 2003, abgebrochen im selben Jahr):

“Reißner, gut, daß Sie wieder da sind“, sagte Frau Liek, als Robert die Bürotür hinter sich geschlossen hatte. „Geht das klar mit dem Grundbucheintrag von den Beermanns?“
„Ja, Frau Malibran sieht da kein Eintragungshindernis. So in ein, zwei Wochen ist das erledigt. Geht jetzt automatisch, wir müssen uns da nicht mehr drum kümmern.“
„Ausgezeichnet. Das haben Sie mal wieder gut gemacht.“
Robert nickte seitlich und lächelte. „Aber“, sagte Frau Liek, „dem Eschen müssen wir Beine machen.“
„Was hat der denn schon wieder verbrochen?“ fragte Robert.
„Wie eigentlich immer. Er ist im Beermann–Haus noch nicht mit den Leitungen fertig und morgen kommt der Verputz auf die Wand.“
„Oder auch nicht, wenn Eschen nicht fertig wird.“
„Rufen Sie ihn an. Soll er ‘ne Nachtschicht machen, oder die Kosten übernehmen. Ist mir eigentlich ganz egal, aber morgen ist Zapfenstreich für ihn.“
„Ich ruf da gleich mal an“, sagte Robert und griff den Telephonhörer.
„Eschen.“
„Reißner, Baubüro Liek…“
„Äh… ja, was kann ich tun?“
„Wie schaut’s bei Beermanns aus mit der Elektrik?“
„Mmh, naja, das dauert noch ’n paar Tage…“
„Muß aber morgen früh fertig sein.“
„Jaa, aber…“
„Ne ne“, fiel Robert ihm in‘s Wort, „aber war gestern. Tut mir leid. uns sitzt die Zeit doch auch im Nacken. Morgen kommt der Verputzer.”
„So’n Scheiß. Wann kommt der denn?“
„Um elf.“
„Muß?“
„Muß.“
„…“
„Der Termin war doch klar, oder?“
„Ja, eigentlich …“
„Sehnse, Eschen. Also schauen Sie zu.“
„Okay, Elektrik steht um Elf.“
„Woll’n wir hoffen.“
„Naja, Nachtschicht.“
„Tut mir leid, kann ich nix für“
„Schon klar. Dann bis morgen.“
„Ja. Wiederhören“, das letzte Wort hatte Robert sehr gestreckt gesagt. Er legte auf.
Immer dasselbe Theater. Lieks geben zu enge Termine vor, die Handwerker kommen nicht nach, weil die eben wirklich eine Spur zu eng gesteckt waren. Die Handwerker waren aber trotzdem froh, daß sie die Aufträge überhaupt bekamen, so dolle sah‘s in der Branche auch nicht mehr aus, und da akzeptierten sie auch die knappe Zeit und nahmen im Notfall auch noch einen Abzug in Kauf. Hauptsache, es war überhaupt ein Auftrag da. Daran, daß Lieks erst Monate später bezahlten – und dann auch noch mit fünf Prozent Skonto –, daran hatten sie sich schon gewöhnt. Sie wußten ja, murrten sie zu laut, dann bekam den nächsten Auftrag eben ein anderer. Im Beisein von Handwerkern tat Frau Liek immer so, als gerate sie in’s Schwärmen: „Ach, diese Polen, die sollen ja so arbeitsam sein, hat mir der Kollege Soundso gesagt. Das wär‘ doch auch eine Möglichkeit, gelle, jetzt wo die doch in die EU kommen.“ In solchen Momenten phantasierten die Handwerker sicherlich einige hübsche Todesarten, welche von den langsamen, für Frau Liek und murrten dann doch nicht.

Robert ging in die Kaffeeküche, sich ein Glas Sprudel zu holen. Urs Meyer von Knonau saß am Tisch und nippte an seinem Bier, neben sich den an ihn adressierten Teil des Posteingangs.
„Und? Wie war’s?“
„Oh, ziemlich lecker.“
„Nicht das Essen. Bei der Malibran.“
„Mein ich doch“, Robert grinste eine Spur zu breit, „ich hab‘ Claire…“
„Claire?“
„Ja, Claire…“
„Schuft!“
„Hehe… ich hab‘ ihr deine Grüße ausgerichtet.“
„Na denn. Was habt ihr denn gemacht?“
„Och, Akten durchgeguckt, die Grundbuchsachen geklärt…“
„Tu nicht so harmlos.“
„Bin ich doch aber… Naja, dann sind wir halt noch ’was essen gegangen. Und wir sehen uns die Tage wieder.“
„Und das soll ich jetzt gut finden. Oh du süße Malibran, verleumdet und verlassen hast du mich und trittst mein blutend Herz mit Füßen.“
Robert lachte.
„Ja, lach du nur. Ich entziehe dir die Grundbuchsachen, ab sofort mache ich das selber.“
„Geht doch gar nicht. Gönn‘ einem jungen Mann doch auch mal ‘was, du alter Egoist.“
„Selber Egoist. Oh, mir fällt ein…“
„Was denn?“
„Meine reizende Assistentin könnte mir ja sich zum Troste reichen. Was meinst du, Robert?“
„Vorzügliche Idee.“
„Malibran fällt eh unter Feindkontakt. Sie kollaboriert, schlimmer noch: die gehört auf die Seite der Ämter!“
„Das ist ja grauenhaft. Wie ich das nur vergessen konnte…!“
„Schleich dich!“
Robert nahm sein Wasserglas und verließ die Küche. Zu Lieks sagte er, daß er noch bei Beermanns vorbeifahren würde und nach Eschen schauen, wie weit der sei. Er komme dann erst morgen wieder.
Eschen war am Rotieren, er hatte seinen Bruder mitgebracht, der ihm zur Hand ging. „Sieht doch gut aus“, sagte Robert. „Morgen, elf Uhr, ja?“
Eschen verdrehte die Augen und sagte: „Ja, zehn Uhr neunundfünfzig – alles piccobello. Wie immer.“
„Na denn.“
„Ciao –“
„Ciao.“
Robert nahm den nächsten Bus heimwärts.

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