Ich las heute hier und dort, wie schlimm es sei, dass auf Twitter Wahlprognosen schon vor 18 Uhr am Wahltag ruchbar wurden. Dies gefährde die Demokratie und sei ganz entsetzlich. Es könne die Demokratie gefährden, weil Wahlentscheidungen beenflusst werden könnten.
Das ist eine ulkige Argumentation, denn es ist vollkommen demokratisch wenn jemand anders wählt als er vielleicht am Vortag geplant hatte. Es ist nämlich ganz egal, wie der Wähler seine Wahl begründet. Ob er mit Enemenemiste die Kandidaten abzählt, ob er sie auspendelt, ob nach der Krawattenfarbe, ob nach der Quersumme des Geburtsdatums des Kandidaten usw.usw. – oder einfach nach der Wahrscheinlichkeit des Wahlsiegs, damit am Abend, wenn die Ergebnisse bekanntgegeben werden, das Belohnungszentrum im Hirn ein paar glücksbringende Stoffe ausschüttet, wenn man sieht, dass man selbst irgendwie zu den Siegern gehört, weil man sie ja mitgewählt hat.
Im Idealfall hat der Wähler alle Argumente sorgfältig abgewogen und wählt aus Taktik oder Überzeugung die Partei oder die Kandidaten, die er für richtig hält. Das ist aber nicht demokratischer oder undemokratischer als eine Bauchentscheidung oder eine Zufallsentscheidung, weil man den TV-Wahlwerbespot von X so lustig fand.
Wäre das alles so demokratiegefährdend, müsste der Wahlkampf abgeschafft werden und durch das blosse Veröffentlichen rechtsverbindlicher Regierungsprogramme ersetzt werden. Na denn.

Vorsatz von Ricarda Huch, Seifenblasen, 1905
Es ist in Politiker-Kreisen momentan schick, auf die bösen neuen Kommunikationsformen einzudreschen. Das lenkt ab und dient der Vorbereitung der Masse, dass wir diesen neumodischen Dings schon in den Griff kriegen.
ich sags doch immer wieder: Twitter ist ein subversives Tool und gehört verboten…
Hausmeisterlichen Gruß
KeulenKalle
Naja, so einfach ist das glaube ich nicht. Dass jeder seine eigenen Entscheidungskriterien heranzieht ist klar und ok. Aber wenn in die Entscheidung neben Wahlkampf, Umfragen und Hokuspokus auch noch echte Prognose-Zahlen reinspielen, ist einiges anders.
Sollte bspw. ein Ergebnis demnach schon klar sein, könnten bestimmte Personen nicht mehr wählen gehen (“macht ja keinen Sinn mehr”). Andere könnten sich im Vorfeld überlegen, erst um 17.45 Uhr Richtung Wahlkabine zu schländern, nachdem sie schon wissen wer gewinnt. Die Wahlentscheidung wäre dann nicht frei, sondern unter diesen Bedingungen rein strategisch und nachvollziehend. Und als letztes: Strategisch darf man gerne wählen, aber wenn sie nicht bis 18 Uhr geheim bleibt, ist sie nicht mehr gleich. Die Wähler die morgens oder per Briefwahl gewählt haben, haben nicht den gleichen Informationsstand wie Wähler die erst nach einer möglichen Twitter-Prognose gewählt haben.
Allerdings: Bei dieser Landtagswahl wars wohl alles nur gefaked. Siehe http://www.blog.tagesschau.de
@Felix Schmitt aber könnte nicht beispielsweise ein knapper Zwischenstand weitere Wähler mobilisieren?
@ Tobias Wimbauer genau das ist der Punkt. Die Leute würden unter Umständen nicht wählen gehen, falls sie nichts von dem knappen Zwischenstand wüssten. Auch eine Art von Ergebnisverzerrung.
Aber am Ende wohl doch eine Gespensterdebatte. Ich werde am Wahltag vielleicht auch mal um 12 Uhr irgendwelche Zahlen per Twitter verteilen. Die sind zwar geraten, aber dass muss ja niemand wissen. Und so wirds auch bei den meisten weiteren Einträgen sein die kommen werden. Am Ende gleichen sich die Folgen wohl aus.
Hoffentlich bleibts dann nur juristisch ruhig. Nochmal so eine Bundestagswahl muss wirklich nicht sein…
@Felix Schmitt Du hast recht, es ist eine Gespensterdebatte. Am Ende gleicht es sich doch aus.
Damit sich die Ergebnise verschieben könnten, müssten ja schon enorme Menschenmassen mobilisiert oder eben entmobilisiert werden.
(Wäre das nicht so, könnten ja repräsentative Umfragen kaum funktionieren, und auch jene ausgeklügelten Hochrechnungen nach punktuellen Umfragen nicht hinhauen)
[...] etwas mehr Gelassenheit wird das Thema hingegen auf dem #Blog von Tobias Wimbauer diskutiert. @Felix Schmitt enttarnt das Aufsehen um die Wahlergebnisse als [...]