Achtes und letztes Kapitel aus dem Roman “Milchferkelhalterabend” (begonnen 2003, abgebrochen im selben Jahr):
Claire sah, wie gesagt, bezaubernd aus. Ihr halblang geschnittenes Haar endete mit exaktem, klaren Schnitt dort, wo der Rollkragen am Hals umgeschlagen war.
„Du bist so wortkarg heute, Robert“, sagte sie nach einer Weile, in der sie von ihrer Arbeit gesprochen hatte, vom Wetter, daß der Herbst nun komme, ob er den auch so möge wie sie, was Robert bejahte, und daß sie ihren Vater im Krankenhaus besucht habe, dem ginge es nicht so gut, aber man habe alles im Griff, die würden nämlich gut für ihn sorgen und sich kümmern.
„Ach“, sagte Robert, „weißt du, es sind schon komische Tage. Ich weiß auch nicht so recht, wohin ich soll.“
„Wie meinst du das: wohin du sollst? Stimmt ‘was nicht bei der Arbeit?“ sagte Claire.
„Nein, das heißt, da ist’s wie immer. Durcheinander mit System. Urs, also Meyer von Knonau, Meyer also, hat pleite gemacht und es gibt doch ständig Ärger mit den Handwerkern, das kennst du doch.“
„Von euch ja“, sagte Claire.
„Dann weißt du ja, was ich meine.“
„Ich kann’s mir vorstellen.“
„Nein, es ist irgendwas anderes. Ich weiß nicht so recht, was es ist. Irgendwas stimmt einfach nicht mehr so richtig.“
„Was ist los“, fragte Claire.
„Ach, ich weiß nicht“, sagte Robert. Er legte seine Hand auf die ihre. Sie ließ ihn gewähren.
„Es rollt wie auf einer Kugelbahn, an jeder Kante tut’s weh, wenn die Murmel anstößt, jeder Weg ist ein kleiner, rollender Schmerz“, murmelte Robert.
„Was sagst du?“ Claire klang abwesend.
„Ach, nicht so wichtig“, sagte Robert und drückte ihre Hand, die sie ihm entzog. Mit der gleichen Bewegung streifte sie eine Haarsträhne von der Stirn.
Robert orderte einen Cappuchino, der ihm sogleich gebracht wurde. Er tat etwas Zucker hinein, rührte ihn um und trank daraus.
„Komm, laß uns gleich ein paar Schritte durch den Stadtpark gehen“, sagte Robert.
„Ja, das ist ‘ne gute Idee.“
Robert zahlte und sie verließen das Bateau ivre. Sie gingen in den Stadtpark. Claire hakte sich nach wenigen Schritten bei ihm unter. Das gefiel ihm.
Sie sprachen nicht viel bei dem Gang.
„Danke, daß du da warst“, sagte Robert ihr zum Abschied.
Robert nahm die Straßenbahn nach Hause, stieg in den 14er Bus und war dann da. An der Haltestelle, die nur ein wenig von der Laterne beleuchtet war, sah er im Gebüsch etwas liegen, einen toten Hund. Der konnte noch nicht lange tot sein, denn er sah aus, als schliefe er nur. Robert wartete, bis der Bus fortgefahren war und ging dann zu dem toten Hund hin. „Üben“, sagte er zu sich. Robert zog ein Tapeziermesser aus der Jackentasche und fuhr die Klinge aus. Er schnitt um ein Ohr herum, löste es vom Kopf und wickelte es in ein Taschentuch. Daheim angelangt, ging Robert direkt in den Keller und legte das Ohr auf die Plastikfolie, die er über den Tisch gezogen hatte.
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