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Archive for 8. Februar 2009

Sechstes Kapitel aus dem Roman “Milchferkelhalterabend” (begonnen 2003, abgebrochen im selben Jahr):

Die Sonntage verbrachte Robert meistens im Keller. Den hatte er sich ausgebaut, der Boden war gekachelt, ebenso die Wand bis in anderthalb Metern Höhe. Unter dem kleinen Milchglasfenster stand ein ausrangierter Tisch, auf dem er eine Granitplatte angebracht hatte. An der Seite ein Kommödchen mit allerlei Dingen darin, ein Bücherbord und ein Karteikasten mit mehrfarbigen Karteikarten, die meisten mit Schreibmaschine beschrieben, andere mit handschriftlichen Notizen darauf. Ein kleiner Kühlschrank stand in der Ecke und den Waschmaschinenanschluß hat er mit einem Hahn versehen, darunter ein Eimer. Vor dem Tisch ein dreibeiniger Hocker.

„Ohrenschmausstube“ nannte Robert seinen Keller im Selbstgespräch. Wenn er die Tür aufschloß, fiel sein Blick stets zuerst auf den gegenüber der Tür an der Wand angebrachten ausgestopften Galago Senegalensis, der auf ein Asttück montiert ist. Ohrenmaki heißt das possierliche Tierchen auf Deutsch. Mit 20 cm Leibes- und 25 cm Schwanzlänge ein großer Vertreter seiner Spezies. Der schaute mit seinen großen, runden Kulleraugen auf jeden Eintretenden; es schien, in seiner halbzusammengekauerten Haltung, als sei er stets zum Sprung bereit. Doch wohin sollte er denn springen. Den Sprung vor dem tödlichen Schuß jedenfalls, den hatte er verpaßt. Bevor Robert sich um das Exemplar gekümmert hatte, hatte er im BROCKHAUS gelesen, daß der Galago „große, häutige Ohren mit faltbarem Hinterrand“ habe. Das klang ihm sympathisch und ideal zur angemessenen Gestaltung seines Kellerraumes. Es hatte Robert eine ordentliche Stange Geld gekostet, denn über den normalen Einfuhrweg ging das nicht, da war der Zoll vor. Und der ließ diese possierlichen Galagos nicht einreisen, gleichviel in welchem Zustand, ob lebend, ob tot. Aber es gibt ja immer Mittel und Wege, und vor allem wenn die Mittel da sind, findet sich auch der Weg wie von alleine.

Robert trat ein, entbot dem Galago seinen Gruß und setzte sich an den Tisch. Er blätterte in der Kartei. Darin hatte er allerlei absonderliche Dinge rund um’s Ohr notiert. Medizinisches, Literarisches, Juristisches. Im amerikanischen Elkhart, Indiana, beispielsweise gab es ein Gesetz, das ausdrücklich besagt, daß es Friseuren verboten sei, Kindern zu drohen, daß sie ihnen die Ohren abschneiden würden, wenn sie nicht ruhig seien.

Daß es mit den Ohren etwas besonderes auf sich hat, das wußte man schon zu Urzeiten. Das Ohrenabschneiden stand zu biblischen Zeiten als Strafe auf Hurerei: „Sie sollen dir Nase und Ohren abschneiden; und was übrigbleibt, soll durchs Schwert fallen“, hatte Robert auf einer der Karteikarten notiert und darunter: „Hesekiel 23, 25 – ein Kapitel in dem insgesamt 15mal das Wort Hurerei fällt.“ Die Strafe mit den Ohren hatte wohl damit zu tun, daß eine ihrer Ohren beraubte Frau nicht mehr als schön gelten konnte. Das konnte Robert nachvollziehen.

In seiner Kartei waren sie alle vereint, von Ohola und Oholiba bis zu Evander Holyfield, der vom Tyson gebissen ward. In der juristischen Abteilung, auf roten Karteikarten, gab es allerlei Zitate aus dem DEUTSCHEN RECHTSWÖRTERBUCH der Universität Heidelberg, wie dieses herrliche aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts: „werdet de oren beide af ghesneden, gheslaghen, oder ghehowen, so beteremen dem cleghere x1 … heft he des geldes nicht, so ga ore teghen.“ Das betraf das Abschneiden von Ohren etwa im Streit oder in einer Schlägerei. Das Ohrenabschneiden als gerichtlich verhängte Strafe, das gab es freilich auch: „do man ut … his earan“, hieß es in einem Rechtstext um 1027. Das Ohrenabschneiden galt den Dieben und übleren Missetätern, und noch 1726 als Strafe den „boshaften kupplern und huren wirthen“. Das ging einige Jahrhunderte so, bis es dann, 1771, hieß: „abschneiden der nase und ohren, kommt selten vor.“ Natürlich hat man nicht nur abgeschnitten, man hat das Ohr auch zu anderm verwendet: „unnd wa er in erwischet, mit eynem ohre an ein baum mag plocken unnd in so lassen steen mit dem angenagelten ohre.“

Robert las sich fest in seiner Sammlung, notierte ein paar Neufunde auf die Karten mit entsprechender Farbe und verließ den Keller erst, als die Sonne schon sank und es dunkelte. Während er wieder in die Wohnung ging, sinnierte er darüber, warum sich ein Lügender oft am Ohrläppchen zupfe. Will der sich insgeheim vergewissern, daß die noch dran sind, er also nicht auf den ersten Blick schon als Lügner zu entlarven sei? „Dem muß ich mal nachgehen“, murmelte Robert vor sich hin.

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